Daniel Zamir

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Man muss das recht schnell konstatieren: Unsere Kenntnis über die reiche Jazz-Szene Israels steckt noch in den Kinderschuhen. Namen wie Avishai Cohen oder Gilad Atzmon sind seit etlichen Jahren im Bewusstsein von Hörern hierzulande verankert, doch hinter diesen international gefeierten Interpreten lauern weitere Entdeckungen, deren Zahl sich noch gar nicht so genau beziffern lässt.

Der 35-jährige Saxophonist und Komponist Daniel Zamir verlässt nun endgültig das Reich der Unbekannten, in Israel zählt er bereits seit einem Jahrzehnt zu den wichtigsten Virtuosen. Mit Forth And Back, seinem bereits elften Release, aber dem ersten bei einem deutschen Label, bietet sich nun die Gelegenheit mit dem Mann aus Petah Tikva einen der erstaunlichsten Vertreter des Jewish Jazz kennenzulernen. 

Nach seiner Ausbildung an der renommierten Thelma Yellin-Hochschule der Künste geht Daniel Zamir für seine Sturm und Drang-Jahre zunächst nach New York, wo er an der New School 2002 seinen Abschluss macht. In der Fremde entwickelt er zugleich ein verstärktes Interesse für jüdisch-chassidische Traditionen und die Klänge vom Balkan. Als das enfant terrible der New Yorker Jewish Scene, John Zorn ihn entdeckt, spielt er mit seiner Band Satlah drei Studio- und eine Live-CD (2000-2007) für dessen Label Tzadik ein. Herausragend unter diesen Veröffentlichungen, auf denen nicht nur Zorn, sondern auch Gäste wie Ned Rothenberg, Greg Cohen und Uri Caine agieren, ist Children Of Israel, Bearbeitungen von israelischen Traditionals im Jazzvokabular.

2004 entschließt sich Daniel Zamir zur Rückkehr nach Israel. Hier beginnt er seine Zusammenarbeit mit Koryphäen wie dem Bassisten Omer Avital, dem Drummer Daniel Friedman und dem Pianisten Omri Mor. Der Auftakt zu dieser neuen, von jüdisch-orthodoxer Spiritualität geprägten Phase seiner Karriere ist das 2006er-Werk Amen, das zum meistverkauften Jazzalbum in Israel überhaupt avanciert. Seine Teamworks reichen jedoch über den Jazz hinaus: Zamirs Bühnen- und Studiopartner kommen ebenso aus Rock und Pop, seine Kollaboration mit dem Reggaestar Matisyahu, der auch sein Wegweiser für den spirituellen Pfad war, zählt zu diesen prominenten Brückenschlägen, ebenso seine Beteiligung an Stings Israeltournee im Jahr 2006. Zamir, dessen Name passenderweise "Liedermacher" bedeutet, geht auch weiterhin außergewöhnliche Pfade: So vertont er die Hatikva, Israels Nationalhymne. 2010 wird er mit dem Prime Minister Award ausgezeichnet, noch nie hat ein Musiker diesen begehrten Preis in seinem Alter gewonnen. Und Ende 2014 geht er mit Größen aus dem Israeli-Pop wie Eviatar Banai und Berri Sakharoff in Jerusalem und Tel Aviv auf die Bühne, um sein zweites Livealbum einzuspielen. Heute ist Daniel Zamir Leiter der von ihm gegründeten Mizmor Music School, der ersten Akademie auf israelischem Boden seit 2000 Jahren, die ihren Fokus ausschließlich auf jüdische Musik richtet.

Für Forth And Back hat sich Daniel Zamir, der von Triobesetzungen bis zum großen Bigband-Kontext versiert ist, für eine konzentriertes Musizieren im Quartett entschieden. Mit dem long time companion Omri Mor am Piano und den Mitstreitern Daniel Dor (dr) und Gilad Abro (b) erreicht der Saxophonist eine intensive  Ebene der Abstraktion, die die Musik ohne jegliche programmatische Beigaben ins Zentrum rückt. In dieser Konsequenz hat Zamir die einzelnen Stücke nur mit verschiedenen Zahlen betitelt. Man könnte dahinter mystische Numerologie vermuten, doch seine Erklärung ist ganz einfach: "Musik hat eine Dimension, die höher und tiefer als Worte ist. Einem Song einen Namen zu geben, würde heißen, die Assoziationen zu limitieren, die im Hörer aufsteigen. Um ihn dieser Freiheit nicht zu berauben, versehe ich die Stücke nur mit der Nummer ihrer chronologischen Entstehung oder ihrer Taktart."

Und so kann man sich "unverbaut" in die neuen Stücke versenken und eine eigene Bildersprache entstehen lassen. Zamirs Stilistik spielt mit sanglichen Folkelementen und mit verschlungenen Orientalismen, schwenkt aber nie in puren Jazz und noch viel weniger auf reines Klezmerterrain. Aus dieser Spannung bezieht das Ensemble die nuancierte Farbgebung der Stücke - nur ein paar Beispiele mögen das demonstrieren: Im rhythmisch widerhakenden Uptempo-Intro "36" entsteht ein fließender Dialog von Altsax und Piano, überschäumende Solistik, die gegen Ende auch mal ins Freie hineindriftet. Und dies alles während ein hartnäckiges Ostinato alle abenteuerlichen Rhythmuswechsel überlebt. Herzhaft in die US-amerikanische Tradition des Bebop greift "4" hinein, während das Quartett in "11" mit geradezu überschwenglichem Atem in Richtung Reggae zwinkert. Und in "2" stellt Zamir schließlich mit einer genauso melancholischen wie luftigen Melodie unter Beweis, dass er auch über eine seelenvolle Stimme verfügt. 

Daniel Zamir und sein Quartett bringen mit diesem neuen Werk nahöstliche Spielfreude und ausgefuchste  Virtuosität unter einen Hut - und zeigen einmal mehr, dass man Israel als Jazzland immer auf der Rechung haben sollte.  

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