Etta Scollo

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Ein neues Juwel in der Krone der sizilianischen Musikerin Etta Scollo: Tempo al Tempo reiht sich ein in das facettenreiche Werk einer Sängerin, die sich in den verschiedensten Genres Zuhause fühlt. Von Pop bis Lyrik, von Jazz bis Folklore – in Etta Scollos Kompositionen und Interpretationen treffen Kulturen, musikalische Strömungen und Kunstrichtungen aufeinander, treten in Dialog, bilden eine eigene Welt, in der Musik und Poesie verschmelzen. Immer auf der Suche nach verborgenen, zeit- und kulturübergreifenden Seelenorten, hat sich Etta Scollo als Dialogpartner diesmal das Cello ausgesucht. In den Händen von Susanne Paul wird es zur zweiten Duettstimme, zum Pas-de-deux-Partner in einer Hommage an eines der großen Themen des Lebens: die Zeit.

Die Zeit ist nicht nur der rote Faden, der sich durch die 14 Lieder des Albums zieht. Die Zeit wird zum „unsichtbaren Dritten“, das Duett wird zum Trio. Die Zeit ist allgegenwärtig, als Maßeinheit des Lebens, als Liebes- und Zerstörungskraft, als Todesbote.

Zwei weibliche Stimmen, zwei Instrumente, poetisch, authentisch, melancholisch, oft ironisch. Poetisch wie in Aria, inspiriert von einem alten sephardischen Lied, das von der unmöglichen Liebe erzählt, universell, unbegreiflich, alt und neu. Ironisch wie in Derrida, einem Lied, das den Dekonstruktivisten dekonstruiert und seine Idee von Zeit dadaistisch neu interpretiert. Oder wie in Monsieur Uno, ein musikalischer Abstecher in die dreißiger Jahre und gleichzeitig eine spitzzüngige Abrechnung mit der „Diktatur des Ego“, dem in der Geschichte Italiens zyklisch wiederauftretenden amoralischen Machtmenschen. Die Ironie ist Mittel der Demaskierung in Acqua sarà (nach einem Text der Schriftstellerin Daniela Rossi), zeigt sich barock in So ist das mit dem Glück (basierend auf einem Gedicht von Anna Böhm) oder melancholisch in Metronomo, wo in einem typisch Scollo/Paul‘schen Rollentausch das Metronom zur Singstimme wird und das Cello zum Taktgeber, unter dessen Rhythmus sich das Voranschreiten der Zeit zu einem bittersüßen Spiel entwickelt.

Manchmal gibt sich die Musik geradezu fatalistisch der Zeit hin, wenn in Monate – nach einem lakonischen Poem von Joachim Sartorius - der Tod auf dem (Leichen-)Wagen unaufhaltsam dahinrast. Dann wieder wird sie lyrisch verklärt und überhöht wie in den beiden vom Dichter Quasimodo inspirierten Stücken und in L’Ala del Tempo, einer zarten Romanze des sizilianischen Dichters Sebastiano Burgaretta, von dem auch der Text zu Ciatu stammt. Hier ist die Zeit der Lebensatem, der alles einhüllt. Die Zeit läßt sich von der Musik feiern - in einer sehnsüchtigen Hymne auf das Leben. In der sizilianischen Serenade Vinutu, sugnu dagegen wird die Zeit in all ihrer Relativität gezeigt, und in Sendersuchlauf (geschrieben, komponiert und gesungen von Susanne Paul) mutiert sie zum faulen Kumpan der häuslichen Versumpfens, zum Komplizen in der Midlife-Crisis, mit dem sich diese ultimative Existenzkrise erst so richtig genießen läßt...

Schließlich ist ‘Nnimini das Stück, in dem sich der wahre Schlüssel zu Tempo al Tempo findet. ‘Nnimini sind traditionelle sizilianische Rätsel, in denen sich Bauernregeln und die ursprünglichen Gesetze der Volkskultur Siziliens erhalten haben.  „Diese Rätsel wollen die Phantasie der Zuhörer anregen – durch bizarre, absurde, freche Fragen, hinter denen sich die Wahrheit versteckt“, sagt Etta.

„Es gibt keine Schlussfolgerung und keine Lösung aus alldem. Stattdessen noch mehr Zweifel, noch mehr Fragen, aber auch ein universelles Gemeinschaftsgefühl, mit dem man uns zuhört und sich der unendlichen Bewegung der Musik ergibt, die immer anders ist und immer gleich, immer balancierend zwischen Werden und Gewordensein, ohne Hast, ohne Reue, die Zeit sich selbst überlassend ... - lasciando tempo al tempo!

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Official Website: http://ettascollo.de/