Martin Kälberer

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Baltasound ist der größte Ort der schottischen Insel Unst. Zu den Sehenswürdigkeiten gehört neben Brandgräbern aus der Bronzezeit ein ungewöhnlich luxuriös eingerichtetes Bushäuschen. Das Hotel am Platz ist das nördlichste des Vereinigten Königreiches, es gibt außerdem einen Pub, eine Post, eine Schule, eine Kirche, ein paar Häuser und Freizeiteinrichtungen, außerdem eine Wetterstation und einen kleinen Flughafen. Vor Jahren tummelten sich dort die Fischer, als noch reichlich Heringe aus dem Atlantik gefangen wurden, dann war der Ort zwischenzeitlich für die Ölindustrie wichtig. Aber inzwischen schläft in Baltasound die Welt. Trotz ein paar Menschen ist es ein Sinnbild der Einsamkeit, aber auch der Offenheit, des freien Blicks. Das Hinweisschild des Albumcovers führt daher nicht zu einem verlorenen Posten, sondern in Richtung eines Inspirationsraumes, der gerade durch seine Kargheit zur Gestaltung herausfordert. Es geht um die Welt dahinter, den Klang, der von der Normalität der Reizfülle wegführt.

Ganz weit draußen also. Nach einer Weile hat Martin Kälberer vor Ort die Entschleunigung der Eindrücke als Herausforderung empfunden. Gewohnt, in seinem Studio im Chiemgau alle Möglichkeiten parat zu haben, um Musik vom Moment der Eingebung an festhalten zu können, entstanden die Lieder von „Baltasound“ auf andere Weise. Denn in Kälberers Camper befand sich als Instrument eben nur das Hang, jenes gedengelte Perkussion-Ufo mit dem sphärischen Klang, um ein wenig zu improvisieren. Ansonsten machte er Notizen, hielt Stimmungsbilder fest oder rhythmische Muster, die ihm einfielen. Das Rohmaterial der Eindrücke verdichtete sich daraufhin zu einem Kompositionsprozess, der über zehn Kapitel hinweg einen akustischen Bogen spannt. Dabei ging es ihm weniger um das Abbild tatsächlicher Ereignisse. Lediglich der Titel „Red Sky“ bezieht sich auf einen konkreten Abend, als das eindrucksvolle Rot der Sonne das Firmament ausdauernd tönte. Die Kompositionen sind ansonsten eher klangphilosophische Anmerkungen zur Themen wie Zeit und Ausdehnung, Puls und Harmonie.

Aufgenommen wurde dann im Herbst 2017 in Kälberers Studio. Das meiste hat er selbst umgesetzt, als Gäste kamen die Cellistin Fanny Kammerlander, der Flügelhornist Reinhard Greiner, und bei jeweils einem Stück der Bassist Alex Klier und Werner Schmidbauer als Gitarrist vorbei. Dabei war es wichtig, dass die meisten Instrumente als echte Instrumente, nicht Kopien aus dem Rechner erklangen. Spätestens seit den Jahren, als Martin Kälberer viel Musik für Film und Fernsehen produzierte und dabei zumeist aus Effektivitätsgründen auf überwiegend synthetische Sounderzeugung zurückgreifen musste, entwickelte er eine Vorliebe für das Selbstgemachte. „Wenn ich einen Gong hören wollte, dann wollte ich den auch spielen,“ erinnert er sich an diese letztlich nie endenden Phasen des Lernens, die dafür sorgten, dass er neben dem Instrument seiner Kindheit Mandoline und dem Klavier der Jugend und der Studentenzeit an Jazzabteilung der Musikhochschule Graz auch Akkordeon und diverse Saiten- und Perkussionsinstrumente erforschte.

Schon bei vorangegangenen Solo-Projekten wie „Between The Horizon“ (2010), „Goya“ (2013), „Suono“ (2015) und „morgenland“ (2016) war es ihm wichtig, möglichst umfassend für die Erzeugung der Töne selbst verantwortlich zu sein. „Baltasound“ verfeinert diesen Ansatz noch um das umfassende kompositorische Moment, das die Musik über die einzelnen Stücke hinaus zusammenhält: „Mal schauen, wohin mich das führt! Ich glaube, dass ich mich auf den vergangenen Alben ein wenig gesucht habe. Ich habe da viel mit Improvisation gearbeitet, habe es fließen lassen. Das jetzt war ein richtiger Kompositionsprozess bei dem auch eine eigene Form entstanden ist. Ich möchte ja den normalen Musikliebhaber erwischen, nicht speziell komplexe Musik machen.“ Dafür ist Martin Kälberer bis ans Ende der Welt und zurück gefahren, um den Vibes der Einsamkeit den feinen, profunden Sound eines Globetrotters der Klänge zu entlocken.

Was verbindet dich mit Schottland?

Seit zehn Jahren fahre ich regelmäßig in diese Region, auf die Hebriden, weil mich diese Kargheit fasziniert. Im Bus mit Zelt, je rauer, desto besser. Die Instrumente bleiben daheim, nur das Hang ist meistens dabei. Ich versuche eben, auch mal Ruhe zu geben

Also keine Musik?

Dort gibt es noch wunderbare Sitten. Wenn man beispielsweise in einen Pub geht, sitzt manchmal jemand in der Ecke mit einer Fiddle und spielt. So etwas höre ich mir gerne an. Aber eigentlich geht es vor allem darum, wieder leer zu werden. Das ist ein Effekt, der sich erst nach zwei Wochen langsam einstellt. Oft habe ich im Sommer noch irgendwelche Produktionen, sitze dauernd im Studio. Da dauert es Ewigkeiten, bis ich diese ganzen Melodienfetzen wieder aus dem Hirn kriege. In diese Leere hineinzuhorchen und zu beobachten, was da entstehen will, das ist spannend.

Spannend genug, dass etwas Neues entsteht …

Als ich im vergangenen Jahr auf den Shetlands war, ergab sich das in besonderem Maße. Da war ein Klang, der sich angedeutet hat, noch nichts Konkretes, eher eine Ahnung. Dem bin ich dann nachgegangen und wollte ihn in reale Musik umsetzen. Auch weil ich in der letzten Zeit überhaupt ein bisschen gesucht habe. Im vergangenen Jahr habe ich nach 22 Jahren erst einmal aufgehört, mit Werner Schmidbauer zu spielen. Ich dachte mir: Jetzt geht etwas Neues los! Wieder viele eigene Sachen machen! Aber dann musste ich erst einmal herausfinden, was mich selbst hinter dem Ofen vorholt. Ich habe einige Stücke produziert, hörte sie mir an und stellte fest, dass ich das schon mal ähnlich gemacht habe. Das langweilt mich, da fehlt mir der Elan. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mir zugetraut habe, wieder ein Projekt fertigzustellen.   

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